Geschichte

Auszug aus der Festschrift zum 100-jährigen Vereinsjubiläums 1972

Für den Musikverein Horheim war es nicht einfach, das genaue Gründungsdatum des Vereins festzustellen, da bei einem Rathausbrand um die Jahrhundertwende die Unter- lagen aus der Gründungszeit vernichtet wurden. So können wir uns heute nur auf Berichte der Heimatzeitung „Alb-Bote“, auf Hinweise in den erhaltenen Protokollbüchern (ab 1896), sowie vor allem auf die Festrede zum 60-jähringen Jubiläum des Vereins, die Hauptlehrer Stoffler gehalten hatte, stützen. Zur Zeit des 60-jährigen Stiftungsfestes lebten noch zwei Gründungsmitglieder, Wilhelm Maier und Friedrich Maier, die Hauptlehrer Stoffler bei seinen intensiven Nachforschungen tatkräftig unterstützen konnten und ihm die wesentlichen Ereignisse aus der Gründungszeit berichteten.

Die Gründung des Musikvereins recht in das Jahr 1869 zurück, und zwar war es damals Haptlehrer Franz Xaver Schütz, der mit zehn Knaben eine Jugendkapelle gründete. Die Mitglieder entstammten zum Teil den Familien Maier, Büche, Faller, Gantert und Albicker. Um die Leute im Dorf nicht zu stören, fanden die Proben im Walde des Dornhaus statt. Böse Zungen behaupteten, dass die Musikanten durch ihr Blasen das Wild verscheuchen und die Singvögel vertreiben würden. Ungeachtet dieser Spötteleien traten die jungen Musiker 1871 am Tage der Firmung zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf. Der damalige Bischof, Hermann von Vikari, freute sich besonders über den Empfang der Musikanten. Stürmische Heiterkeit rief der kleine Bernhard Büche hervor, den den großen Bass blies, welcher größer war, als er selbst. Das zweite Auftreten fand im Jahre 1872 statt, als die Fiedenslinde (beim Bahnhof) gepflanzt wurde. Aus dieser Zeit stammt auch der erste Hinweis in den alten „Alb-Bote“-Jahrgängen. Das Mitglied Gerber Albicker machte in einer Anzeige auf ein Konzert der Horheimer Knabenmusik im Bad Bruckhaus (Gurtweil) aufmerksam. Noch im selben Jahr kam es zur endgültigen Gründung des Musikvereins, der sich den Namen „Harmonie“ zulegte und aus etwa 12 Mann bestand.

Als erster Dirigent fungierte Hauptlehrer Schütz, dann Emil Büche bis 1889 und dann wieder Xaver Schütz bis 1893. Ab 1895 hielt der Verein jährlich ein Konzert am Silvesterabend ab und um Mitternacht wurde beim Fackelschein auf dem Dorfplatz das neue Jahr mit einigen Musikstücken eingeleitet. Im Jahre 1897 feierte der Musikverein sein 25-jähriges Bestehen. Damals wurde schon ein Wertungsspiel abgehalten, bei dem Seminarmusiklehrer Hönig aus Meersburg, Korpsführer Bührle vom Regiment 113 und Herr Gallion von der Stadtmusik Freiburg als Preisrichter fungierten. Das Wettspiel gewann der Musikverein Erzingen.

In der Zeit ab 1900 erwarben sich vor allem der Dirigent und Vorstand Karl Moosmann, sowie der spätere Vorsitzende Joseph Gantert besondere Verdienste; finanziell stark unterstützt wurde der Verein von Kaufmnn Wilhelm Butz. Bis zum Ausbruch des 1. Welt- krieges gab es im Vereinsleben keine besonderen Höhepunkte. Der Musikverein trat vor allem bei kirchlichen und familiären Ereignissen an die Öffentlichkeit. 1912 wurde die Ins-trumente erneuert. Das gab dem Musikverein einen spürbaren Aufschwung. Mit viel Optimismus wurden noch 1914 neue INstrumente angeschafft, was den Verein aber in große finanzielle Schwierigkeiten brachte. Jeder einzelne Musiker musste mit dem eigenen Hab und Gut bürgen, bis die Schulden entgültig bezahlt waren.

Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges musste der Verein seine Tätigkeiten einstellen. Viele Mitglieder fielen an den Fronten. Alte Schulden belasteten den Verein. Unter diesen schwierigen Umständen konnte sich der Musikverein nach dem Kriege nur sehr langsam und mühsam wieder erholen. Der Grundstock zur weiteren Genesung des Vereins wurde durch zwei Ereignisse gelegt: 1926 entschloss sich die Vorstandschaft, neue Instrumente anzuschaffen; 1927 gründete Dirigent Josef Moosmann eine Knabenkapelle. Dadurch konnte der Musikverein Harmonie immer wieder mit jungen, guten und fleißigen Musikern aufgefrischt werden. Der damalige Dirigent erkannte die wichtige Aufgabe, durch die Ausbildung des Nachwuchses die Lebensfähigkeit des Musikvereins zu garantieren. Einen weiteren Höhepunkt erlebten die Musiker im Jahre 1933. Sie durften ihr 60-jähriges Jubiläum feiern. Das festlich geschmückte Dorf Horheim empfing zwölf Kapellen zum Festkonzert. Mehrere Gesamtchöre unter Leitung des Dirigenten Emil Indlekofer waren der Höhepunkt der musikalischen Darbietungen. Hauptlehrer Stoffler hielt die Festrede und der Bezirksvorsitzende, Redakteur Walter Kirchberg, Waldshut, ehrte verdiente Mitglieder, die dreißig und mehr Jahre sich der Volksmusik widmeten.

In der Zeit nach 1933 hielt der Verein neben kirchlichen, staatlichen und familiären Anlässen jährlich zwei Konzerte und ein Weihnachtskonzert ab. Derartige Konzerte sind bestens dazu angetan, die Bevölkerung mit schönen Klängen und Volksweisen zu erfreuen und zugleich den Musikern einen Anreiz zu geben, ihr Instrumentalspiel zu verbessern und vervollständigen und ihr Können der Öffentlichkeit zu zeigen. Etwas erstaunlich, aber aus der Zeit heraus durchaus verständlich ist die Tatsache, dass der Verein in der Zeit des Dritten Reiches sehr große Nachwuchsprobleme hatte, obwohl der Musikverein bei vielen Staats- und Gemeindeanlässen spielen musste. Die damalige Jugend wurde sehr oft von der Partei zu ihren Diensten herangezogen. Trotz allem bemühte sich Martin Wißmann immer wieder, junge Kräfte für den Verein zu gewinnen.

Nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges begann für den Verein eine schwere Zeit. Nach und nach wurden Mitglieder des Vereins zum Kriegsdienst einberufen und die Zahl der aktiven Musiker sank ständig. Dennoch fanden zunächst wöchentlich Proben statt und die Musiker konnten bei einigen Anlässen an die Öffentlichkeit treten. Vor allem die älteren Mitglieder hielten dem Verein die Treue und spielten trotz aller Schwierigkeiten und Mühen weiter. Das letzte Konzert fand 1943 anlässlich einen Urlauberabends im Gasthaus zu Post statt.

12 Mitglieder waren gefallen, 9 Musiker waren noch da – eine traurige Bilanz des Krieges. Wie freute sich da Dirigent Emil Indlekofer, als er von 13 jungen Burschen mit dem Wunsch und der inständigen Bitte, wieder Musik machen zu dürfen, am Bahnhof abgeholt wurde. Schon am Josephstag 1946 bekamen sie die über den Krieg und die Besatzungszeit geretteten Instrumente und überall im Dorf begann ein Üben und ein Musizieren, mit einer Begeisterung bei der Jugend, wie es die Horheimer noch nicht erlebten. Beinahe aus jedem Haus tönte ein Instrument, ein Duo oder Trio. Es verging kaum ein Tag ohne Musik. Schon an Fronleichnam spielte der Musikverein wieder bei der Prozession. Bei der Wiedergründungsversammlung am 10. November 1946 wurde folgende Vorstandschaft gewählt:
1. Vorsitzende: Karl Frommherz
2. Vorsitzende: Jakob Indlekofer
Kassier:            Ernst Rotmund

Zusammen mit ihrem Dirigenten Emil Indlekofer machten sie den Verein wieder zu dem, was er einmal war.
Dank der aufopferungsvollen Arbeit des Dirigenten kamen 1947 weitere acht Jugendliche zum Musikverein. Mit zweijähriger Verspätung beging der Musikverein am 7. und 8. August 1949 sein 75-jähriges Stiftungsfest. Der Jubilar, der bereits 32 Mitglieder zählte und auch musikalisch eine der führenden Kapellen des Bezirks war, durfte ein unvergessenes Fest feiern. Der Chronist berichtet von einer Begeisterung und Jubel ohnegleichen. 24 Musikkapellen bildeten einen Festzug von einem Ende des Dorfes bis zum Anderen. Eine unübersehbare Menschenmenge war in Horheim zu Gast. Die Tatsache, dass es auf diesem Fest zum ersten Mal nach dem Kriege richtiges, gutes Bier und markenfreies Vesper gab, übte auf die Besucher eine große Wirkung aus. Erfreulicherweise konnte dadurch die leere Vereinskasse etwas aufgefüllt werden. Selbst die Mitglieder verzichteten zugunsten des Vereins auf jeglichen Freitrunk oder auf das Vesper. Aus Begeisterung luden die Waldshuter die Horheimer zur Chilbi ein und an jenem Abend dankte der Musikverein seinen Mitgliedern in Form einer „kleinen“ Nachfeier, bei der die Horheimer und umliegenden Gaststätten leergetrunken wurden. Im Jahre 1951 bemühte sich der Musikverein um eine Einheitskleidung; es wurden weiße Jacken angeschafft. Dies konnte nur eine Übergangslösung sein, denn der Verein war bestrebt, eine neue Uniform anzuschaffen. Durch die große Spendenbereitschaft der Bevölkerung, durch einen großzügigen Zuschuss der Gemeinde und durch eigenen Beitrag der Musiker konnte die neue Uniform im Rahmen eines großen Musikfestes im Jahre 1956 eingeweiht werden. Alle waren stolz auf den Musikverein und die neue Uniform. Diese trugen die Musiker bis 1969 bei sämtlichen Anlässen. Dann aber entschied sich die Mehrheit der Mitglieder für eine neue Tracht. Die Einweihung dieser sehr schönen Tracht bildete einen weiteren Höhepunkt im wechselvollen Vereinsleben. Zum feierlich gestalteten Musikfest wurden vor allem mehrere Trachtenkapellen neben den benachbarten Vereinen eingeladen.

In all den Jahren nach dem Kriege herrschte im Musikverein gute Kameradschaft; man fühlte sich wie in einer großen Familie und alle Mitglieder waren bestrebt, auch musikalisch ihr Bestes zu geben. Der Verein hat sich immer um die Pflege der Volksmusik bemüht und in unzähligen Proben und Auftritten ein Beispiel seiner idealistischen, aufopfernden Einstellung gegenüber den kulturellen Werten unseres Lebens gegeben.

Neben den Vereinsvorständen, Dirigenten, Mitgliedern, Gönnern und Helfern, denen allen besonderen Dank gebührt, haben sich vor allem zwei Musiker große Verdienste um den Verein erworben: Ehrenvorsitzender Karl Frommherz, seit 1913 Mitglied, hat – mit kurzer Unterbrechung – von 1927 bis 1949 die Geschicke des Vereins geleitet und durch seine aufopfernde, idealistische Hingabe allen ein lebendiges Beispiel gegeben.
An gleicher Stelle müssen wir unseren Ehrendirigenten Emil Indlekofer nennen, der 38 Jahre lang, von 1932 bis 1970 die musikalische Leitung inne hatte. Man kann es kaum ermessen, welche Mühe und Arbeit er mit den Musikern hatte – sei es bei der Ausbildung der Jungmusiker oder bei der Leitung des Vereins.

Mehr als 140 wechselvolle Jahre hat der Verein erlebt; Höhen und Tiefen, schwere und schöne Stunden.

So hoffen wir, dass der Musikverein Harmonie Horheim auch in der heutigen, schnelllebigen Zeit Träger der Blasmusik bleibt;
ein Stück Tradition und ein Stück Fortschritt zugleich!